Leopold Hurts kompositorische Entwicklung ist von Einflüssen geprägt, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Da ist seine Ausbildung zum Zitheristen, einem Instrument, das zwar, wie Hurt betont, seine Prägung im bürgerlich-urbanen Milieu des 19. Jahrhunderts erfahren hat und heute vermehrt in der Neuen Musik eingesetzt wird, das aber nichtsdestotrotz in erster Linie mit volksmusikalischen Idiomen in Verbindung gebracht wird. Da ist sein Studium der Alten Musik und der historischen Aufführungspraxis in München, und nicht zuletzt ist da sein Kompositionsstudium bei Manfred Stahnke in Hamburg, einem experimentellen Komponisten, dessen kompositorische Schwerpunkte u. a. auf mikrotonalem Komponieren liegen.
Hurts Musik zeichnet aus, dass sie diese Einflüsse nicht adaptiert, sondern zu ihnen Stellung bezieht. Er thematisiert Alte Musik wie traditionelle Volksmusik gleichermaßen in seinen Kompositionen, ohne dass diese Teil seiner originären Musiksprache werden. Neben der eingehenden Analyse der verwendeten Materialien ist es vor allem eine Konfrontation mit dem scheinbar Bekannten, das in neuen Zusammenhängen wiederum befremdlich wirken kann.
Die konzeptionellen Grenzen, die man in zahlreichen Kompositionen Hurts findet, werden in seiner Musik jedoch immer wieder aufgebrochen durch eine, so Till Knipper, „unbändige Lust an spontanen Einfällen und grotesken Wendungen, wie sie insbesondere den eigenwilligen Mittelteil von ‚Erratischer Block’ charakterisiert.“ Hurt selbst spricht in dem Zusammenhang von einer „kaputten Treppe“, die in den zweiten neuen Raum führe. Dieses Aufbrechen und Verlassen vermeintlich klarer Strukturen, sei es mit elektronischen oder instrumentalen Mitteln, dieses Reiben an den Übergängen, an den Bruchstellen, zieht sich wie ein Nerv durch Leopold Hurts gesamtes kompositorisches Schaffen und schafft eine Klanglichkeit, die seiner Musik ihren unmittelbaren prägnanten, irritierend-aufregenden Charakter verleiht.
Mathias Lehmann
2021/2024 The Dissociated Press Cycle — mehrteiliger Ensemblezyklus, UA Elbphilharmonie Hamburg
2014 Gatter — E-Zither und großes Ensemble, UA European Ensemble, Darmstadt
2012 Seuring | Schalter — E-Zither, Elektronik und großes Orchester, UA Hamburger Philharmoniker
2009 Flex — großes Ensemble, 18 Spieler, UA Ensemble Modern
2025 Preparations for a Fall — Ensemble, UA LUX:NM, Ultraschall Berlin
2012 Dead Reckoning — 12 Streicher, UA Ensemble Resonanz
2007 Erratischer Block — Ensemble, Live-Elektronik, Zuspielung
2025 Telemanns Zettel — Violine, Viola, Violoncello, Klavier, UA Rellingen
2020/21 Rossbreiten — 3 Zithern, Elektronik, UA Stuttgart ECLAT Festival
2009 The Harpsdischord I — Harfe mit Scordatur
2008 August Frommers Dinge — Streichtrio; UA Mondrian Ensemble
2005 Aggregat — Violoncello, mikrotonale Basszither, Elektronik
2008 MEDEA — nach Christa Wolf, Libretto Dominik Neuner, UA Hamburg
2001 Anna Livia Plurabelle — nach Finnegans Wake, James Joyce, UA München